Wir sind gerade auf Yakushima, einer der letzten Inseln südlich der Hauptinsel Kyushu. Die Insel ist vor allem bekannt für ihre uralten Zedern, außerdem ragt sie fast 2000 Meter aus dem Meer. Obwohl sie nur ca. 25km Durchmesser hat.
Irgendwann gestern nachmittag steht ein Japaner vor den zwei Segelschiffen ("Adio" und "Anjuli", ein amerikanisches Boot), zeigt auf Anjuli und plappert fröhlich drauf los. Nach fünf Minuten ist klar, dass er uns nur fragen möchte, ob das andere Boot zuvor auf Ieshima war, einer anderen kleinen japanischen Insel. Als wir bejahen, möchte er natürlich sofort die Dan, Tamy und Corey sprechen, aber leider ist grade niemand zu Hause und ihm bleibt nichts anderes übrig, als ein paar Stunden später wieder zu kommen.
Erst mal die Vorgeschichte: "Anjuli" klapperte ein paar mehr Inseln ab als wir, und machten dort zahlreiche Bekanntschaften mit Japanern. Einer von diesen gab ihnen dann eine lange Telefonliste mit ungefähr 20 Namen - alle würden sie in den entsprechenden Orten erwarten und man müsste nur kurz anrufen, dass man da sei... es ist aber gar nicht nötig anzurufen, denn die zwei Schiffe fallen hier so auf, dass man sich gar nicht ankündigen muss.
Als "Mori", der nette Fischermann, also gestern zum zweiten Mal kam um die Amerikaner zu sprechen, hatte er zwar wieder keinen Erfolg, diesmal gab er aber nicht so schnell auf: Mit vereinten Kräften (d.h. seine drei Worte Englisch und unsere drei Worte Japanisch) erfuhr er, dass wir insgesamt sechs Leute sind, drei aus Amerika, drei aus Deutschland. Dann stockte ;-) das Gespräch aber leider und es musste eine andere Möglichkeit gefunden werden. Mori kramte sein Handy heraus, rief irgendjemanden an und übergab uns dann das Telefon. Mama reichte mir das Telefon weiter und auf der anderen Seite: "Hi, my name is ... I want to help you to translate" . Und mit ihrer Hilfe (später stellte sich heraus, dass sie die Nachbarin von Mori ist) wurden wir zu einem Ausflug in die Berge auf dieser Insel eingeladen. Mit dem Bus und auf eigene Faust wäre das alles viel zu teuer, also fahren sie uns mit dem Auto.
Eine solche Einladung kann man natürlich nicht abschlagen, also verabredeten wir uns für den nächsten Tag, 9 Uhr.
Heute Morgen, pünktlich um Neun steht dann Mori vor unserem Boot und weil die nette Übersetzering vom Handy leider heute arbeiten muss, hat er einen Zettel dabei, auf dem alles nötige aufgeschrieben ist: "Hi, I am Mori. I am a fisher man and have been living on this island for over 40 years. Today, I will show you the island. I can take you wherever you want to go. I am free all day". In dem Stil war eine ganze Seite beschrieben, dazu gab es noch eine extra Liste, mit den wichtigsten Fragen "Do you want to visit the lavatory? How about something to eat? Where do you want to go next?"
In der Nähe von Anbo gibt es ein Naturresevervat (Yakusugiland), in dem man auf verschiedenen Wegen durch die uralten Zedernwälder wandern kann - dort wollten wir sowieso hin, deshalb hatten wir nichts dagegen, dass uns Mori dorthin fuhr. Auf halber Strecke (bergauf, die Insel hat Berge bis zu 2000m) gab es leider ein kleines Problem: Das Kühlwasser von Moris Auto kochte und wir konnten nicht weiterfahren. Alles kein Problem, man hat ja ein Handy. Mori telefonierte und telefonierte und irgendwann war klar, dass er gerade seine Frau anrief um ein anderes Auto zu ordern. Nachdem unser Kühlwasser wieder etwas gekühlt war, drehten wir also um und stoppten kurz danach auf einem Parkplatz. Zwanzig Minuten später kommt ein kleines Auto mit zwei Männern, dann ein großes Auto (wo wir alles reinpassen) mit Moris Frau und schließlich noch eine andere Freundin. Wir wurden gebeten, in das andere Auto umzusteigen, die Frau stieg bei der Freundin ein. Frau, Freundin und die zwei Männer (Funktion unbekannt) fuhren wieder zurück ins Tal, Mori fuhr uns weiter nach Yakusugiland. Ein weiter Höhepunkt waren die vielen Affen, die auf der Straße rumsassen und uns einfach nur doof anguckten, aber keinerlei Anstalten machten, uns aus dem Weg zu gehen.
Den Eintritt durften wir natürlich nicht selbst bezahlen, dann ging es über sehr gut ausgebaute Wege, Hängebrücken und Trampelpfade durch die uralten Wälder. Wirklich sehr schön... Mama, Papa & Ich wären natürlich auch noch gerne auf einen der Gipfel steigen, aber das konnten wir den Amerikanern nicht zumuten - in zwei getrennten Gruppen zu gehen, war natürlich auch nicht möglich, schließlich musste Mori unser Führer sein.
Trotz fehlender gemeinsamer Sprache, konnten wir zumindest ein paar Dinge erfahren - so erfuhren wir, dass Mori drei Söhne hat (zwei davon Fischer), das er fliegende Fische fischt, wie alt die unterschiedlichen Bäume waren und noch einiges mehr.
Nach ca. zwei Stunden kamen wir wieder beim Auto an und keiner wusste so recht, was jetzt passieren würde... irgendwann zeigte Mori auf eine Landkarte von Yakushima und machte uns klar, dass er uns jetzt noch gerne einmal um die Insel fahren würde (die Insel hat ca. 25km Durchmesser, das ganze hätte also ca. 3 Stunden gedauert). Da wir aber alle hungrig waren, und eigentlich auch keine große Lust auf eine lange Autofahrt, mussten wir ihm einen anderen Vorschlag machen. Mit unseren drei Wörtern Japanisch und seinen drei Wörtern Englisch. Aber mit vereinten Kräften und Papas Zeichenkünsten machten wir ihm irgendwie klar, dass wir auf das Schiff zurück wollten. Das brachte ihn zwar vollständig aus dem Konzept, aber was blieb ihm schon anderes übrig, obwohl das wahrscheinlich mehr als unhöflich von unserer Seite aus war und er sich ebenso unhöflich fühlte. Eigentlich wollten wir ihm auch klar machen, dass man sich ja später noch mal treffen könnte, z.B. zum Abendessen, aber das überschritt unsere Kommunikationskünste. Immerhin schaffte Papa es noch, sich die Ecke im Hafen zeigen zu lassen, wo sein Fischerboot liegt und ließ sich auch seinen Namen und den Namen seines Schiffes aufschreiben. Alles chinesische Zeichen, also kein Problem, immerhin kann ich die ja auf chinesisch lesen.
Wieder zu Hause, packten wir ein kleines Dankeschön zusammen: eine Postkarte von Neuschwanstein, zwei Fotos, Visitenkarte und eine schick eingepackte Reber-Praline. Dann machten wir uns auf den Weg zum Hafen und hofften, es dort irgendjemandem in die Hand drücken zu können. Wir hatten Glück: seine zwei Söhne legten gerade mit ihrem Fischerboot an und wir konnten uns bei ihnen stellvertretend noch einmal bedanken. Der eine Sohn grinste, schaute uns an und zeigte nur auf eine Kiste mit fliegenden Fischen, sein Gesichtsausdruck meinte dabei in etwa: "Und? Wieviele Fische wollt ihr?". Da wir zu dritt waren, einigten wir uns auf drei und so war auch unser Abendessen gesichert.
Während ich grade Mama's Kochkurs (wie filetiere ich einen fliegenden Fisch?) absolvierte, bekamen wir noch einmal Besuch: Die Telefon-Übersetzerin, Moris Nachbarin, kam vorbei uns überreichte uns je (eine für uns, eine für die Amerikaner) eine Tüte mit Süßigkeiten und Keksen. Geschenkt. Einfach so. Für uns unverständlich, aber für die Japaner wahrscheinlich das selbstverständlichste der Welt.
Einfach unglaublich... heute Nacht träume ich sicher von Zedern, fliegenden Fischen und englischsprechenden Handys!